War ein paar Tage in Wolfsburg. Schwiegereltern mit der ganzen Bagage besuchen. Mußte auch mal wieder sein. Zwischen Fußball gucken, Schokotorte essen und Likör kippen habe ich mich am Samstag für ein paar Stunden ausgeklinkt. Durch das “Centrum” gelatscht und überhaupt nicht zum kaufen animiert worden — eher zum fotografieren. (Gibt aber auch bessere Ecken.)

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Ich hatte eigentlich vor gehabt, mit dem Bus zurück nach Detmerode fahren. Hatte aber keine Lust. Lieber die 4 km zu Fuß und noch etwas Familienabstinenz genießen.
Also los. Weg von der Straße. Durch Park. Durch Wald. Immer der Nase nach. Nach einer Weile frage ich eine junge Frau an einem gerade stattfindenden Kindergarten-Flohmarkt nach dem rechten Weg. Sie schaut mich verdattert an: “Nach Detmerode? zu Fuß !!??” Der junge Mann an ihrer Seite trägt eine Jacke mit der Aufschrift “Rettungsdienst”. Er mustert mich kritisch von Kopf bis Fuß und überlegt vermutlich, ob ich ein Fall für das nächste Landeskrankenhaus bin.
Ich insistiere. Sie meint, dort die Straße lang bis zur Kreuzung und dann links immer weiter … Ich sehe ein, dass es absurd ist, in Wolfsburg — die Stadt des VW-Werks — eine sinnvolle Wegbeschreibung für Fußgänger zu erhalten, die für eine weitere Strecke als bis zum nächsten Autoparkplatz taugt.
Also stapfe ich weiter. Kurzerhand befrage ich meinen Handgelenkskompass (in die Uhr integriert) und schlage mich durch eine Wohnsiedlung und wieder in den Wald. Herrlicher Wald. Die Vögel zwitschern. Ich bin völlig allein. Nur von ferne das ewige Rauschen schneller Autos auf gut ausgebauten Straßen.
Ich erreiche eine weitere Siedlung. Pi mal Kompass müßte ich mich ungefähr weiter in die gleiche Richtung halten, die Anlage des Straßen- und assozierten Wegenetzes verhindert dies aber rechtwinklig. Ein langsam herannahender älterer Herr auf einem Fahrrad (!) gibt mir Gelegenheit zu einer erneuten Kontaktaufnahme zur ansässigen Bevölkerung. “Nache Detemerrrrode?” wiederholt der alte Italiener nachdem er sein Hörgerät aktiviert hat. Offensichtlich gehört er zu den wenigen, die noch in der Lage sind, sich jenseits der Straßen fortzubewegen und gibt mir eine gebrochene aber detailreiche Beschreibung meines weiteren Weges. Ich frage nach und er beschließt kurzerhand, mich zur nächsten Kreuzung zu begleiten.
Er sei Norditaliener, informiert mich mein Begleiter. Kein Süditaliener. Die seien anders. Der Mann geht zur Arbeit. Die Frau bleibt zu hause. Der Mann geht einkaufen. Die Frau bleibt zu hause. Die Frau bleibt immer zu hause. Er sei aber Norditaliener. Aha. Ich beschließe mir das zu merken obwohl ich zur Zeit nicht beabsichtige, Frau eines Süditalieners zu werden …
Dort hätte er sein Appartamento, wobei er auf eines der immer gleichen 60er-Jahre Flachdach-Häuser zeigt. Aha. Jetzt an der Kreuzung ist der weitere Weg klar, vorbei am Schießstand und dann möglichst bleifrei in den Wald. Das deckt sich mit meiner Orientierung. Dann solle ich immer dem “breiten Weg” folgen um zu einer Brücke zu gelangen. Leider bin ich dann entweder nicht in der Lage zwei quasi gleichbreite Wege auf den Zentimeter genau zu schätzen oder mein italienischer Wegweiser ist als Wolfsburger genauso unzurechnungsfähig wie ich — wer fährt denn schon Fahrrad wenn er genauso gut mit einem VW fahren könnte?

Nach einem kleinen Umweg gelange ich doch noch zu der Brücke über eine autobahnartige Straße und finde mich anschließend in Detmerode. Aufgrund der überall gleichen Bebauung irre ich noch ein wenig durch Gassen und kurvenreiche Straßen um schließlich an der letzten 4-spurigen Manifestation der geschriebenen Ankündigung (s. Foto) anzukommen, wo auch meine Ortskenntnis wieder spontan einsetzt um mich zu meinem Ziel zu geleiten.
Gute Fahrt!