Archive for Mai, 2006

5. Etappe

Freitag, Mai 19th, 2006

Kestert–Kamp

Wer den Rheinsteig kennt, merkt das ich abgekürzt habe. Ein Stück hinter der Wilhelmshöhe (die übrigens eine urige Hütte bietet, mit Veranda und Platz für zwei. Man sollte aber eine Zeltunterlage o.ä. dabei haben) bin ich nach Kamp runter. Ja, der Fuß ist eben doch nicht so fit — für eine kurze Etappe morgen sehe ich aber kein Problem. Immerhin muß ich nachher noch ein gutes Stück bergan auf der Etappe Lahnstein–Koblenz. Um 16:40 geht mein Schiff.

Was gab’s heute? Neben den erwarteten Aussichten kommt man anscheinend durch einen Räuberwald.

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Das alte Steinkreuz markiert die Stelle, an der laut Inschrift 1754 der Landarbeiter Bartholomäus Sauerborn erschlagen und beraubt wurde (das war für meinen indirekt mitlesenden Sohn, einem großen Hotzenplotz-Fan ;-) .

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Interessant war auch der Bereich, in dem extensive Waldweide im Rahmen neuer Landschaftspflege-Modelle erprobt wird — dort kann man im Wald von Exmoorponys (als Laie würde ich die als zierliche Pferde beschreiben) umringt sein oder von Ziegen.

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Die Burgen der Feindlichen Brüder machen sich natürlich auch heute mit der Gastronomie Konkurrenz, die zweite, Sterrenberg, fand ich einladender — die Latte Macciato hat nicht enttäuscht.

Der weitere Weg führte noch durch einen schattigen Buchenwald, am Wegesrand standen schöne Teufelskrallen (Phyteuma nigrum, Bild folgt nächste Woche) und der Waldmeister (Galium odoratum, auch Wohlriechendes Labkraut genannt), von letzterem fanden ein paar Stengel den Weg in meine Wasserflasche.

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Nachahmer sollten auf zwei Dinge achten: es gibt mindestens zwei weitere Labkraut-Arten an diesen Standorten, den Waldmeister erkennt man spätestens beim Reiben am typischen Geruch. Außerdem sollte man nur Exemplare ernten, die noch nicht blühen (oder geblüht haben.

Mal einen Schluck probieren … hmmm

Abends über dem Rhein

Donnerstag, Mai 18th, 2006

Ich hab’s mir hier oben gemütlich gemacht. Die Matte liegt über Bank und Tisch und halb sitze halb liege ich mit Wladimir Kaminers “Mein deutsches Dschungelbuch”. Eine unterhaltsame Ansammlung kleiner Anekdoten von Kaminers Reisen durch die Provinz — es gibt Parallelen … Danke an Petra, die mir dieses Buch zum Abschied mitgab.

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Langsam wird es Zeit in den Schlafsack zu kriechen, es wird kühl und zum lesen zu dunkel. Unten haben sich auch schon die Schiffe wie an einer Perlenschnur aufgereiht und liegen vor Anker — kaum ein Kapitän wagt wohl nachts die immer noch gefährliche Passage durch Kurven und Untiefen.

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Hoffentlich bleibt hier alles ruhig, es prangt hier ein deutliches Verbot, sich hier nach 22 h aufzuhalten oder gar zu übernachten. Und ich würde diesen Oberdeutschen, in deren Gärten häufig geflaggt ist, ohne weiteres zutrauen, dass patroulliert wird. Zum anderen habe ich gestern in der Dämmerung tatsächlich meine erste wilde Wildsau getroffen … und einen Dachs — letzteren allerdings nur noch von hinten.

4. Etappe, Nachtrag

Donnerstag, Mai 18th, 2006

Ganz so unspektakulär ging der Weg dann doch nicht zu Ende: erstmal gab’s einen kräftigen Schauer, den ich aber unter einer mächtigen Fichte weitgegend trocken abwarten konnte.

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Anschließend ging es mit Blick über die Pulsbachklamm durch einen tropfnassen felsigen Krüppeleichenwald, der dann überging in einem der merkwürdigsten und schönsten Wälder, die ich je gesehen habe: ein Eichen-Hainbuchen-Niederwald dessen z.T. felsiger Boden fast vollständig von einem Mosaik aus Moosen und Flechten bedeckt ist — ich war begeistert!

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Picknickplatz für Moose

Und am Ende wartete dieser geniale Übernachtungsplatz auf mich:

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Leider mußte ich erst 130 Höhenmeter absteigen (und nachher wieder rauf), um dann festzustellen, daß Kestert ein solches Kaff ist, das außer einer Bäckerei kein Geschäft besitzt (jedenfalls keins, das noch am Nachmittag geöffnet hat). Infolgedessen werde ich mich bis morgen Nachmittag von 3 trockenen Brötchen, 1 Nussecke, 2 Äpfeln und — das Highlight — einer Tüte Erdnuss-Flips ernähren. Na dann, die fette Erholung hat ein Ende …

Go! 4. Etappe

Donnerstag, Mai 18th, 2006

St. Goarshausen–Kestert

Der Fuß hält. Das merkwürdig reibende Gefühl an der Sehne ist praktisch weg, die Blasen zwicken nur noch ignorierbar. Immer wieder erstaunlich wie regenerations- und anpassungsfähig dieser Apparat Körper doch ist. Überhaupt fühle ich mich wieder fit und stark — also: alles richtig gemacht mit dem Ruhetag.

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Die (kurze) Etappe habe ich jetzt nach 3 Stunden gemütlicher Wanderei schon fast hinter mir, es ging recht unspektakulär durch Feld und Wald, vorbei an Burg Maus (das lausige Bild oben), wo grad eine Greifvogel-Flugschau geboten wurde. Als Zaungast von oben war ich offensichtlich unerwünscht, denn ich wurde unter dem Vorwand die Vogel zu stören deutlich weggebeten …. lmA! Natürlich blieb ich solange wie ich wollte. Im übrigen kam nach mir noch eine vielköpfige Gruppe … ;-))

St. Goar — Hotel “An der Fähre”

Donnerstag, Mai 18th, 2006

Das gelbe Haus direkt oberhalb der Rheinpromenade ist irgendwie ein Kleinod.. Kaum dass man eintritt bemerkt man, dass dies nicht nur ein Hotel ist sondern dass hier jemand lebt.

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Jemand die (nämlich Frau Spitzmüller) liest (viele dicke Bücher), die reist (Indien insbesondere, würde ich meinen: Buddha- und andere Figuren), die Rad fährt (steht schon mal dazwischen) und die viele schöne alte Möbel besitzt (worin, -rauf oder -neben sich alles andere findet.

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Hört sich wild an, fügt sich aber zu einer heiteren und zwanglosen Gemütlichkeit, die die alsbald erscheinende Wirtin verkörpert. Wem die Preise allzu niedrig erscheinen, wird kurzerhand nach oben geschickt, sich selber ein Bild zu machen.

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Mein Zimmer wirkt dagegen wie aus einem früheren Jahrhundert (dem 20.?) und kann da nicht ganz mithalten:

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Dafür ist das neue Bad immerhin direkt nebenan und ein Matisse hängt auch bei mir an der Wand …

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Und hallo!? Wir sind hier schließlich nicht im Ritz sondern dort, wo mit Natürlichkeit und Professionalität mancher kleine Wünsch unkompliziert erfüllt wird — und wenn dann mal die Fahrräder mangels Garage neben dem Antiquar stehen, dann stößt sich auch niemand daran.

Ach ja: das ganze ab 15 Euro pro Nacht incl. (!) Frühstück. Klang das jetzt wie Werbung? Soll es auch sein — manches muß man einfach unterstützen.

In der Woche ist meist etwas frei, für Wochenenden sollte man nachfragen:
Hotel “An der Fähre”
Burgunde Spitzmüller
Heerstr. 47 * St. Goar
Tel. 06741/980577